Historie

Die hugenottischen Wurzeln der Familie Riquet in Leipzig

Bereits seit 1686 hatten sich französische Glaubensflüchtlinge in Leipzig niedergelassen. Im Unterschied zu anderen deutschen Territorien genossen sie in Sachsen jedoch keine umfassenden Privilegien. Hier waren sie nur geduldet und rechtlich stark eingeschränkt. Ihnen blieb der Erwerb des Bürgerrechts verwehrt, ebenso der Beitritt zu Zünften. Außerdem waren sie vom Kauf von Immobilien und Grundstücken sowie von vielen Formen der Berufsausübung ausgeschlossen. Besonders einschneidend war das Verbot des Kleinhandels, das lediglich während der Leipziger Messen aufgehoben war.

Als einziges Tätigkeitsfeld stand den reformierten Franzosen der Großhandel vergleichsweise offen. Gerade dies dürfte für viele ein entscheidender Grund gewesen sein, sich in Leipzig niederzulassen. Die Messestadt bot ihnen günstige Voraussetzungen, um ihre internationalen Handelskontakte und ihre Mobilität wirtschaftlich zu nutzen.

Diese Sonderstellung führte jedoch dauerhaft zu Konflikten. Immer wieder wurde darüber gestritten, ob die Hugenotten als fremde Kaufleute oder als Teil der Leipziger Kaufmannschaft zu betrachten seien. Besonders ausgeprägt waren die Spannungen zwischen einheimischen Kleinhändlern und den französischen en-gros-Händlern, die als wirtschaftlich überlegene Konkurrenz wahrgenommen wurden. Ökonomische Rivalität verband sich dabei mit kulturellen und religiösen Abgrenzungen.

Aus dieser besonderen Lage ergab sich eine ausgeprägte Fähigkeit zu transnationaler Vermittlung. Die französischen Kaufleute fungierten als Verbindungsglied zwischen Sachsen und dem Ausland – politisch wie wirtschaftlich. Ihre Flexibilität, Sprachkenntnisse und internationalen Netzwerke machten sie vor allem im internationalen Transithandel zu wichtigen Akteuren. Diese Eigenschaften erwiesen sich als stark innovationsfördernd. Führende Vertreter entwickelten sich an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zu einem neuen Typ des Wirtschaftsbürgertums, der klassischen Großhandel mit frühen industriellen Investitionen verband. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überflügelten Angehörige dieses Bürgertums aus dem Refuge sogar ihre früheren Leipziger Vorbilder.

Die kulturelle Ausstrahlung der reformierten Franzosen war von Beginn an umstritten. Sie wirkten zugleich als Reformierte, als Kaufleute und als Franzosen und standen damit im Zentrum polemischer Auseinandersetzungen. Ihr Einfluss auf Geschmack, Konsum und Handelspraktiken wurde sowohl bewundert als auch kritisch kommentiert.

Da es in Sachsen, anders als beispielsweise in Brandenburg-Preußen, kaum hugenottische Handwerker gab, lag ihre zentrale Leistung im Handelsmonopol für französische Waren. Dieses Monopol erlangten sie trotz Widerständen Leipziger Handelshäuser allein durch ihre internationale Erfahrung sowie ihre europäischen Familien- und Geschäftsbeziehungen. Als Scharnier zwischen Frankreich sowie Ost- und Südosteuropa trugen sie entscheidend zum Aufschwung des Leipziger Messehandels und damit zur wirtschaftlichen und kulturellen Blüte der Stadt bei.

Sie brachten Leichtigkeit und Offenheit in die Leipziger Geschäftswelt und prägten mit ihrer eigenständigen Wirtschaftskultur, Leipzig nachhaltig.

Der Großvater von Jean George Riquet, Phillipe Riquet, stammte vermutlich aus dem heutigen französisch-belgischen Grenzraum. Er zog erst nach Leiden, wurde 1684 Bürger der Stadt Frankenthal (Pfalz) und heiratete noch im ausgehenden 17. Jahrhundert. Sein Sohn, ebenfalls Phillipe Riquet, wurde 1685 in Frankenthal geboren. Nach der Zerstörung Frankenthals durch französische Truppen 1689 zog die Familie nach Magdeburg, wo Phillipe Riquet später Maria Anne Boquet heiratete, die aus dieser Stadt stammte. Beide gehörten der Pfälzer Kolonie in Magdeburg an. Aus dieser Ehe ging Jean George Riquet hervor, der 1713 in Magdeburg geboren wurde. Später ließ er sich in Leipzig nieder, wo er von 1769 bis 1772 das Ehrenamt eines Ancien in der französisch-reformierten Gemeinde ausübte und 1775 gemeinsam mit weiteren Leipziger Nachkommen von Hugenotten zu den Stiftern der Tanzgesellschaft im Gewandhaus zählte.

Das Gebäude in dem sich das Kaffeehaus Riquet befindet

Was wir über die Entwicklung von Riquet & Co wissen

So importierte Riquets Colonial-Grosso-Geschäft seit 1745 u.a. Tee, Kaffee und Gewürze aus Übersee und richtete ab 1850 unter einem Nachfolger des Firmengründers eine Abteilung für den Kleinhandel mit Kakao, englischen Biskuits, Konfitüren, Kaffee, Alkoholika, Tabak, Japan- und Chinawaren ein. 1890 begann das Unternehmen mit einer eigenständigen Kakaoproduktion, die bald in ein Fabrikgebäude im Leipziger Vorort Gautzsch verlegt wurde. Neben Kakao stellte Riquet & Co. auch Schokolade, Pralinen sowie Waffeln her.

Zusammenfassung der Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Firma 1895:

Im Jahre des 150-jährigen Bestehens, blickt die Firma Riquet & Co. auf eine Geschichte zurück, die eng mit der Entwicklung des Handels in Leipzig verbunden ist. Gegründet am 15. November 1745, entstammt das Unternehmen jener bemerkenswerten Kaufmannstradition, die von französischen Emigranten (Hugenotten) geprägt wurde. Noch heute leben in Leipzig zahlreiche Nachkommen dieser Familien, die wesentlich dazu beitrugen, den Handel der Stadt zu einer Bedeutung zu führen, wie sie Binnenstädte nur selten erreichen.

Der Firmengründer Jean George Riquet entstammte einer dieser Emigrantenfamilien. Die Riquets kamen über die Schweiz nach Deutschland. Erste Spuren der Familie finden sich in der Pfalz und später auch in Magdeburg, wo Firmengründer Jean Georg geboren wurde und sein Bruder als Pfarrer der reformierten Kirche wirkte.

Die Familie Riquet gehörte in Leipzig zu den ersten und angesehensten Familien. Dies belegen auch chronikartige Aufzeichnungen, die im Alten Gewandhaus aufgefunden wurden und aus dem Jahr 1810 stammen. In ihnen werden die vornehmsten Leipziger Familien genannt – unter ihnen ausdrücklich der Kaufmann Riquet.

Die Gründung der Firma erfolgte in der Katharinenstraße. Bereits 1763 zog das Unternehmen in die Klostergasse um, wo es nahezu 125 Jahre ansässig blieb. Das dortige Gebäude war von besonderer Beschaffenheit: mehrere Meter dicke Mauern, lange gewölbte Gänge und dunkle Kellerteile, die einst als Zellen dienten und später zur Lagerung von Wein genutzt wurden und noch werden. Mit der Zeit jedoch änderten sich die Anforderungen. Moderne Hygienevorschriften machten die Nutzung der alten Klosterräume als Büro- und Lagerflächen zunehmend unmöglich.

Schon in den ersten Jahren reichte der Wirkungskreis der Firma weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Eine beachtliche Leistung angesichts der damaligen Verkehrsmittel. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Leipziger Messen. Ein erhaltenes Schiffsbuch belegt, dass Riquet & Co. ihre Waren bereits frühzeitig in großem Umfang direkt aus den Produktionsländern oder über bedeutende Hafenstädte bezog. In diesem Buch sind nicht nur Lieferungen, sondern auch Verluste verzeichnet, etwa von Waren, die auf dem Transport von London verunglückten. Genannt werden Kaffee, Zimtblüten, Zimt, Cochenille (roter Farbstoff) sowie Tee.

Von einem Tee-Spezialgeschäft im heutigen Sinne konnte damals allerdings noch keine Rede sein. Vielmehr handelte es sich um ein Kolonialwaren-Grosso-Geschäft, das mit erheblichen Mengen an Tee, Wein, Kaffee, Öl, Safran, Mandeln, Piment, Wolle und vielen weiteren Artikeln handelte. Unterstützung beim Import erhielt die Firma unter anderem von dem dänischen Händler Peter His, ebenfalls ein Hugenotte.

Die wechselvollen Zeiten des Siebenjährigen Krieges und der späteren Befreiungskriege gingen auch an der Firma nicht spurlos vorüber. Im Jahr 1818 zog sich der Gründer aus dem Geschäft zurück und überließ es seinem Neffen. Er selbst lebte fortan als kunstsinniger alter Herr in Dresden, kam jedoch gelegentlich nach Leipzig, um sich davon zu überzeugen, dass das Unternehmen in seinem Sinne weitergeführt wurde. Diese Besuche mögen ihm den Lebensabend verschönt haben.

Bis 1872 blieb das Unternehmen in Familienhand, ehe es an den Kaufmann Karl Theodor Moritz verkauft wurde.

Mit der wachsenden volkswirtschaftlichen Bedeutung des Tees wandelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch der Charakter des Unternehmens. Der Kolonialwarenhandel trat zunehmend zurück, während der Teebedarf von Jahr zu Jahr stieg und Tee zum Hauptartikel wurde. Daneben gewann der Import ausländischer Kakaos und Schokoladen an Gewicht. Der Bedarf wuchs so stark, dass sich die Frage stellte, ob man die Herstellung nicht selbst übernehmen solle. Um 1890 wurde dieser Gedanke vorsichtig in die Tat umgesetzt. Nach ersten Anfängen folgte bald ein größerer Neubau, und schließlich wurde das neue Gebäude in Leipzig-Gautzsch an der Coburger Straße bezogen – einer Straße von besonderer Bedeutung, da sie auf der wichtigen Messwarenlinie Nürnberg – Leipzig lag.

Der sandige Boden des Geländes erlaubte den Bau besonders tiefer und trockener Keller, die sich hervorragend für die Schokoladenfabrikation eigneten. Im Kleinen begann dort die Herstellung, für die trockene Lagerräume unerlässlich waren. Das Administrationsgebäude beherbergte vor allem Lager- und Packräume für Tee, den empfindlichsten und zugleich wichtigsten Artikel des Unternehmens. Die hellen, trockenen und geräumigen Lagerräume schlossen eine Beeinträchtigung der Qualität nahezu aus.

Große Maschinen trennten den Tee-Bruch von den Blättern, während Mischmaschinen sorgfältig aufeinander abgestimmte Sorten zu Mischungen vereinten, deren Provenienzen selbst der geübte Kenner nicht mehr zu bestimmen vermochte. Die Verpackung in Kisten und Pakete erfolgte direkt an der Mischmaschine. Elektrisches Licht, Dampfheizung, Telefone und elektrische Aufzüge zeugten von modernster Ausstattung. Ein Aufzug führte durch einen Tunnel direkt in die Fabrik, wobei die räumliche Trennung den Vorteil hatte, dass bei der Kakao- und Schokoladenfabrikation entstehende Gerüche den empfindlichen Tee nicht beeinträchtigten.

Die Fabrikationsräume für Kakao und Schokolade waren ebenfalls streng getrennt, nur so ließ sich eine angemessene Spezialisierung beider Artikel erreichen. In dieser Hinsicht galt die Firma Riquet als unerreicht. Riquet-Kakao war in ganz Deutschland und auch im Ausland bekannt. Modernste Röstmaschinen verarbeiteten täglich 36 Zentner sorgfältig gereinigter und verlesener Kakaobohnen. Es folgten Drillingsmühlen, in denen das Mahlgut dreifach bearbeitet wurde, bevor Zucker zugesetzt und die Masse auf großen Walzwerken feingeschliffen wurde. In der letzten Station musste die Temperatur der Schokoladenmasse exakt geregelt sein. Entlüftungs- und Teilmaschinen gaben ihr die endgültige Form. Nach mechanischer Bearbeitung auf Klopftischen gelangte die Schokolade in den Kühlkeller, wurde anschließend aus den Formen genommen, in die Packsäle gebracht, etikettiert und dem Versandlager zugeführt.

So verband sich kaufmännische Tradition mit industrieller Moderne. Mit berechtigter Hoffnung durfte man erwarten, dass sich die Riquet-Schokolade ebenso rasch und erfolgreich am Markt etablieren würde wie zuvor der weithin bekannte Riquet-Kakao.

Das Riquethaus seit dem 19. Jahrhundert 

Das „Riquethaus“ – in Bauakten und Adressbüchern geblättert

Das markante Eckhaus an der Reichsstraße – das heutige Riquethaus – wurde bereits 1542 mit dem ersten Haus des angrenzenden kleinen Schuhmachergässchens vereinigt und gilt seit 1881 als Schuhmachergässchen Nummer 1. Im Neubau von 1909 erfolgte schließlich die Verbindung mit Nummer 3, und das Ensemble erhielt seinen Namen nach seiner Eigentümerin, der Schokoladenfabrik Riquet & Co.

Schon um 1807 betrieb der damalige Hausbesitzer Johann Gottlob Stephan Döring hier ein Handelsgeschäft. Die zentrale Lage in unmittelbarer Nähe zum Marktplatz sorgte für einen ständigen Zustrom interessierter Laufkundschaft für seine angebotenen „Kurzwaren, Galanterie- und Spielwaren, Zwirne und Garne“. Wie dieses, so verfügten nahezu alle Gebäude des kleinen Gässchens um die Mitte des 19. Jahrhunderts über Geschäftslokale im Parterre. Fleischwaren, Strumpfwaren, Stickgarn und Lotterielose wurden ebenso angeboten wie Hüte und anderer „Putz“. Die Innung der namensgebenden Schuhmacher besaß hier ein Haus und viele Schuhmachermeister lebten und arbeiteten im Schuhmachergässchen.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert begannen sich Reparaturen und Nachbesserungen zu häufen – ob an den Schleusenanlagen, den Schornsteinen oder den Treppenhäusern. Die Gebäude waren in die Jahre gekommen. Manches wurde abgerissen. Anbauten, Neubauten und Umbauten veränderten das Gesicht des Schuhmachergässchens nach und nach.

Das Eckgrundstück zur Reichsstraße, das damals wie kaum ein anderes von allen Punkten der Messestadt aus leicht zu erreichen war, musste zwangsläufig einem prosperierenden Unternehmen wie der Riquet & Co. AG ins Auge fallen. 1745 in der Katharinenstraße gegründet, lag der Schwerpunkt der Geschäfte auf dem Import von Tee, Kaffee und anderen exotischen Artikeln. Außerdem bestand ein öffentlicher Kaffeeausschank. Seit 1888 befand sich das „Engrosgeschäft mit Tee, Vanille, Biskuits, Chokolade und Liqueur sowie mit China- und Japanwaren“ in der Goethestraße. Dort waren die Nachfolger des umtriebigen Gründers Jean George Riquet (1713-1791) bisher nur Mieter gewesen. Nun sollte der Umzug ins eigene innerstädtische Quartier erfolgen. In ein Gebäude, das nach umfangreichen Neu- und Erweiterungsbauten außen und innen gleichermaßen ausdrücken würde, wofür der Name Riquet in Leipzig seit der Mitte des 18. Jahrhunderts stand: für exzellenten Tee, Kakao, Kaffee, Gewürze, Schokolade und andere Artikel mehr, die importiert und später aus eingeführten Grundstoffen in der Riquet-Fabrik in Gautzsch (heute Markkleeberg) selbst hergestellt wurden und weithin gefragt waren. Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe mochte schon um 1800 auf ein Tässchen heiße Schokolade nicht verzichten. Alexander von Humboldt hatte ihm das exotische Getränk empfohlen, weshalb Goethe sich, wenn er auf Reisen war, die Schokolade von Riquet nachsenden ließ. Nun also zog es die Riquet & Co. AG auf ein eigenes Grundstück in bester Innenstadtlage.

Unter der Leitung des Leipziger Architekten Paul Lange begannen 1907 die ersten Vorplanungen für den Umbau des Hauses in einer der „zukunftsreichsten Straßen“, wie die Zeitgenossen überzeugt waren. Was in den nächsten zwei Jahren vor den Augen der Leipziger Bürgerschaft entstand, sollte zu einer weiteren Sehenswürdigkeit der Messestadt werden. Als Geschäfts- und Messehaus für die gefragten überseeischen Artikel und die Spezialitäten aus eigener Produktion der Riquet Schokoladenfabrik geplant, zieht das Gebäude auch heute noch die Blicke auf sich. Angelehnt an die klassische asiatische Baukunst, entschied sich der Architekt für einen pagodenhaften Dachaufbau und eine außergewöhnlich farbenprächtige Fassadengestaltung. Geprägt wird das Gebäude von mächtigen Pfeilern aus bayrischem und schwedischem Granit, den hohen Räumen im Erdgeschoss, der großzügigen Galerie. Und überall finden sich Jugendstildetails, die sich überraschend harmonisch in die asiatisch anmutenden Formen integrieren. Die kupfergetriebenen, lebensgroßen Elefantenköpfe zu beiden Seiten der Eingangstür sind auch im 21. Jahrhundert noch eines der liebsten Fotomotive bei den Menschen, die die Stadt besuchen.

Am 5. Juli 1909 erfolgte die Geschäftseröffnung des Eckladens im Erdgeschoss für das so genannte Detailgeschäft der Riquet & Co. AG. Die Räume in den übrigen Stockwerken wurden als Messeräume nur während der Messen genutzt. Den elektrischen Fahrstuhl für die Ausstellenden und ihre Waren bediente der Markthelfer.

Hoch über dem Verkaufsraum, in der vierten Etage, befanden sich außerdem, neben einem Schreibmaschinenbüro, eine Plättstube sowie die Hausmannswohnung, denn: „Bei den verschiedenen Mietern, die in den Geschossen zusammenkommen, ist es nicht angängig, diese ohne einen männlichen Schutz zu lassen. Die Wach- und Schließgesellschaft schickt ihre Leute nur ab und zu, während der Hausmann jederzeit nach dem Rechten sehen kann.“ (Bauakte Schuhmachergässchen 1-3).

Und auch das Bauordnungsamt achtete selbstverständlich darauf, dass im Haus alles nach Vorschrift funktionierte. So waren zur „Ingangsetzung und Abstellung des Fahrstuhls nur besonders beauftragte und gehörig unterwiesene männliche nicht unter 18 Jahre alte Personen, die mit der Einrichtung des Aufzuges sowie mit den Betriebsvorschriften genau vertraut sind“, zugelassen. Für die Mieter stellte diese Regelung kein Problem dar. Sie bedienten den Aufzug selbst. Mieterin Elly Kronfeld musste als Frau und Inhaberin des Schreibmaschinenbüros entweder die Treppe benutzen oder „… eine den Betriebsvorschriften entsprechende Person“ (Bauakte Schuhmachergässchen 1-3) um Hilfe bitten.

Ähnlich streng reagierte das Amt auf das Ansinnen der Hauseigentümer, die im Juni 1910 im Dachgeschoss neben den Bodenkammern eine „… Plättgelegenheit nach dem Hofe zu, durch drei Stück schöne große Fenster erleuchtet…“ einrichten wollten. Da diese Räume laut Baugenehmigung nur zu Lagerzwecken, nicht aber als Arbeitsplätze vorgesehen waren, erfolgte keine Zusage. In der beiliegenden Zeichnung vom Dachgeschoss erkennt man die kreisrunde Anordnung der einzelnen Bodenkammern um das Oberlicht, dort, wo sich das Türmchen befindet.

Auch der Wunsch nach einer Erweiterung des Ladengeschäfts durch die Angliederung zweier leerstehender Geschäftslokale, die bisher vermietet worden waren, fand keine Zustimmung. Das war im Juni 1917 und bei der Planung hatte man sich für Schaufensterrahmen und Pfeilerdekorationen vorsorglich auf amerikanisches Tannholz verlegt. „Das ist so kostbar und weich und kommt für militärische Zwecke nicht in Betracht … es kann doch sicher nicht in der Absicht der Militärbehörde liegen, das Wirtschaftsleben bei seiner Entscheidung ganz außer Betracht zu lassen“, hieß es im Schreiben des Architekten. Die Behörde sah das anders.

Nachdem die letzten Mietparteien ausgezogen waren, wurde ab Mitte der 20er Jahre auch das vierte Obergeschoss zu Messezwecken genutzt, und selbst in der fünften Etage stellten nicht weniger als zehn Firmen aus.

Krieg und Nachkrieg verschonten das Riquethaus nicht. Der charakteristische Turmaufbau wurde zerstört, das Obergeschoss brannte aus. Erst 1961 begann ein Ausbau der vierten Etage, um das Haus einerseits wetterfest zu machen und andererseits 200 Quadratmeter dringend benötigte Gewerbefläche zu erhalten.

Die Bebauung auf dem Gebiet der Reichsstraße war nach dem Krieg lange Zeit kontrovers diskutiert worden. Einerseits galten viele Gebäude der Altgrundstücke am Schuhmachergässchen inzwischen als überaltert und sollten einer völligen Neubebauung Platz machen. Andererseits gab es seitens der Deutschen Reichsbahn Pläne, eine Tunnelstrecke zwischen Hauptbahnhof und Bayrischem Bahnhof anzulegen, die den Bereich tangierte. Darüber hinaus stand der benachbarte Deutrichs Hof bereits unter Denkmalschutz und sollte in Anbetracht des großen Verlustes an innerstädtischen Baudenkmalen möglichst erhalten bleiben, wenn er auch einer Straßenverbreiterung im Weg stand. Letztlich entschied man sich wegen des bekannten Mangels an Wohn- und Gewerberäumen dafür, so wenig wie möglich abzubrechen. In einem Schreiben des Stadtarchitekten Lucas an die Deutsche Investitionsbank hieß es am 31. Juli 1961 mit Bezug auf das Riquethaus: „Mit Rücksicht auf die erheblichen Schwierigkeiten der Verlagerung von Wohn- und Gewerberäumen bei Beseitigung von Altsubstanz ist festgelegt worden, bis 1965 wird es im Stadtzentrum keine Lückenbebauung geben, also nicht die bisher für 1962/63 geplante Bebauung des o.g. Geländes.“ (Bauakte Schuhmachergässchen 1-3).

Die Gewerbeflächen im ausgebauten vierten Obergeschoss nutzten ab 1962 zehn Beschäftigte der Zentralstelle für Messe und Werbung. Auf Grund des Ministerratsbeschlusses zur Verbesserung des Gesundheitswesens fielen dieser Stelle Sondermaßnahmen zu, weshalb die bisherigen Räumlichkeiten im dritten Geschoss nicht mehr ausreichten, um wie es hieß, eine „bessere Aufklärung für unsere Wissenschaftler und Ärzte und die internationale Abstimmung im Rahmen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (Bauakte Schuhmachergässchen 1-3) zu gewährleisten.

Später, in den 70er Jahren, arbeiteten hier 30 Beschäftigte des VEB Kombinat Medizin und Labortechnik. Der Generallieferant kompletter medizin-labortechnischer Anlagen legte ein überzeugendes Raumkonzept vor, das die baulich-architektonische Erscheinungsform nicht beeinträchtigte und seinen Beschäftigten von Ruheraum und Sanistelle, über eine Telefonzentrale, eine Kaffeeküche und den Pausenraum bis hin zu den Schreibplätzen und Arbeitsräumen für die Modellprojektierung alles bot.

Im Erdgeschoss, wo bis um die Mitte des 20. Jahrhunderts Spezereien aus dem Hause Riquet über den Ladentisch gingen, befand sich nun ein Porzellangeschäft der staatlichen Handelsorganisation HO.

Nach der politischen Wende in der DDR erfolgte um 1994/95 die Restaurierung des Ensembles durch einen Kölner Architekten – einschließlich Türmchen und Ladeneinrichtung. Seitdem haben Ortsansässige und Gäste Gelegenheit, im Kaffeehaus Riquet zu Köstlichkeiten aus Leipziger Backstuben ein erlesenes Angebot an Tee-, Schokoladen- und Kaffeespezialitäten zu genießen. Ganz bewusst anknüpfend an den traditionsreichen Namen und die beachtliche bürgerliche Kaffeehaus-Kultur Leipzigs.

Die prominente Adresse ziert den Briefkopf zahlreicher GmbHs, Gesellschaften, Stiftungen und Vereinigungen. Ein Architekturbüro nutzt die 2. Etage und unter dem Dach, wo sich vor mehr als 100 Jahren die Bodenkammern kreisrund gruppierten, befinden sich heute Räumlichkeiten des Vereins Christlich-soziale Dienste TOS Leipzig.

Ein historisches Foto des Schilds zum Kaffeehaus Riquet

Was die Lokalzeitungen schrieben

Am 6. Februar 1888 verließ die Firma Riquet das Haus in der Klostergasse 15, in welchem sie im Jahr 1745 gegründet worden war. Mehr als 142 Jahre war das Unternehmen an diesem Ort ansässig gewesen, ein in der Leipziger Handelsgeschichte recht seltener Fall. Zeitgenossen mochte es scheinen, als verließen die damaligen Inhaber pietätlos eine Stätte, die so eng mit dem Ruf und der Tradition der Firma verknüpft war. Bei näherer Betrachtung jedoch erwies sich der Umzug in die Goethestraße als richtige und zukunftsweisende Entscheidung.

Die neue Einrichtung der Geschäftsräume wurde vom Kunsttischler Bauer nach Zeichnungen des Architekten Paul Lange ausgeführt. In der Teehandlung war der Besucher von Weiß und Gold umgeben. In diesen Farben zeigte sich auch die kunstvoll gestaltete Decke. Eine prächtige Ladentafel, deren Vorderseite aus Glas bestand, bildete ein ebenso originelles wie hervorragendes Schauobjekt. Das Hauptregal war reich mit kunstvollen Schnitzereien versehen und großzügig mit Spiegeln ausgestattet, während das große Seitenregal, rot gestrichen, Japan- und Chinawaren aufnahm.

Räumlich getrennt davon befand sich die Kolonialwarenhandlung im Renaissance-Stil. Tee und Kaffee bildeten die beiden Hauptartikel des Hauses. Aufgrund der besonderen Empfindlichkeit des Tees war es notwendig, beide Waren streng voneinander getrennt zu halten, wenngleich ein gemeinschaftliches Café genutzt werden sollte. Zwei große Schaufenster öffneten sich zur Straße: eines für die Kolonialwarenhandlung, eines für die Teehandlung. Letzteres zeigte einen großen Chinesen, der eigens über das Meer gekommen zu sein schien.

Mit der Eröffnung des neu gebauten Riquet-Hauses im Juli 1909 erreichte die Unternehmensentwicklung einen weiteren sichtbaren Höhepunkt. Der bauausführende Architekt (wiederum Paul Lange) wie auch die beauftragten Firmen schufen nicht nur große und lichtreiche, sondern auch geschmackvoll ausgestattete Räume. Dies galt in besonderem Maße für den prächtigen Laden der Firma, der bald als eine Sehenswürdigkeit der Stadt galt. Der Keller reichte zwei Stockwerke in die Tiefe, und von der Galerie des Pagodenturms bot sich ein großartiges und lebendiges Bild des Straßen- und Verkehrslebens.

Nicht ungeteilt blieb jedoch das zeitgenössische Urteil. So verwies das Leipziger Tageblatt am 26. September 1905 auf das neu erbaute Geschäftshaus der Firma Riquet als ein Beispiel der Störung des Stadtbildes. Die als unschön empfundene Wirkung des Hauses wurde auf die aufdringliche Materialbehandlung, auf Unrichtigkeiten und Übertreibungen sowie auf die unruhige Dachausbildung zurückgeführt. Sowohl der reizvolle Blick in das alte Schuhmachergäßchen mit dem Nikolaiturm im Hintergrund als auch die Sichtachsen zum Salzgäßchen und zum Alten Rathaus seien durch dieses Geschäftshaus beeinträchtigt worden. Besonders die farbige Behandlung habe mehr geschadet als genutzt. Zugleich wurde jedoch eingeräumt, dass die Kleinheit des Areals und der teure Baugrund eine möglichst intensive Ausnutzung des Grundstücks geboten hätten. Dieses Spannungsverhältnis stand exemplarisch für die baulichen Herausforderungen der Leipziger Innenstadt um 1900.

Teilen Sie mit uns gerne Ihre Erinnerungen und Ihr Wissen in Bezug auf das Kaffeehaus Riquet und seine Geschichte: cafe@riquethaus.de.

Historie Kaffeehaus Riquet – Stand Mai 2026

Verfasst von Jana Männing (Historikerin und Autorin)